Berichterstattung

Herberge, bis die Reise weitergeht

Die Franziskanerin Schwester Miriana spricht über ihr Verhältnis zum Tod
und was der Ordensgründer ihr bedeutet.

Schwester Miriana Fuchs OSF
Foto: Raphael Pietsch

Schwester Miriana, seit zehn Jahren leiten Sie das Sterbehospiz Karl Josef
in Freiburg. Wie kommen Sie damit klar, tagtäglich mit dem Tod konfrontiert zu sein?

Schwester Miriana Fuchs OSF: Das Wort „Sterbehospiz“ mag ich gar nicht.
Das Hospiz ist eine Herberge und ein Ort zum Leben. Cecily Saunders, die Gründerin
der Hospizbewegung, hat gesagt, es gehe nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben,
sondern den Tagen mehr Leben. Unsere Aufgabe ist es, dass unsere Gäste bis zum
letzten Atemzug so gut wie möglich leben.

Dennoch stoßen Sie an eine Grenze.

Das stimmt, das Sterben ist eine Grenze. Im Leben haben wir immer wieder
Übergänge. Und der letzte Übergang ist vermutlich der größte, herausforderndste
und wichtigste.

Wie versuchen Sie diese Passage zu gestalten?

Wir versuchen hinzuhören was dem Gast – wir sprechen bewusst vom Gast und
nicht vom Patienten – wichtig ist. Dazu gehören alle Dimensionen des Lebens.
Zunächst geht es um die Linderung der Symptome, wie Schmerzen, Atemnot, …
Eine gute Symptomkontrolle gibt dem schwerkranken Menschen Sicherheit.
„Hier ist jederzeit jemand da, der mir helfen kann“, so höre ich es immer wieder
von Gästen. Mit dieser Verlässlichkeit bekommt das Leben Raum.

Worin besteht diese Hilfe?

Das sind oft die kleinen Dinge, die aber sehr kostbar werden können –
ein Essenswunsch oder die frische Luft auf dem Balkon zu spüren oder mit Besuchern
nochmals einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Ja, die Zugehörigen des Gastes,
Familie und gute Freunde, sind wichtig in der Begleitung und werden mit einbezogen.
Ab und zu kommt es auch vor, dass jemand noch Wichtiges erledigen möchte, auch hier
unterstützen wir nach unseren Möglichkeiten.

Foto: privat

Welche Rolle spielt der Glaube bei Ihren Gästen?

Die Dimension des Glaubens kann eine wichtige Ressource sein.
Herauszufinden, wo jemand spirituell steht, erfordert oft eine große Wachsamkeit,
denn viele sind es nicht gewohnt darüber zu sprechen. Gerne gehen wir als Team
darauf ein und benachrichtigen bei Bedarf auch Seelsorger.

Und bei Ihnen? Hilft der christliche Glaube Ihnen, wenn es um so
schwerwiegende Fragen geht?

Ja, für mich ist das Leben ein Geschenk. Ich lebe gerne. Und trotzdem ist
das Leben hier auf der Erde für mich nicht alles. Ich glaube fest an das ewige Leben.

Was stellen Sie sich darunter vor?

Es ist nicht einfach nur die Fortführung unseres bisherigen Lebens in anderer
Form. Es wird anders sein. Es ist für mich die Begegnung mit Gott, dem Schöpfer
des Lebens selbst. Ich staune hier auf Erden über die Kreativität, mit der Gott
alles geschaffen hat und gleichzeitig erlebe ich die Zerbrechlichkeit. Gott ist es,
der mein Leben und die Schöpfung vollenden wird.

Foto: privat

Was bedeutet diese Hoffnung für Ihre Arbeit?

Der christliche Glaube bestärkt mich darin, nicht um jeden Preis und bis zum
bitteren Ende therapieren zu müssen. Wir tragen dazu bei, dass das Leben lebenswert
bleibt. Symptome zu lindern gehört natürlich dazu. Therapien, die zu keiner
Verbesserung der Lebensqualität führen, man spricht auch von Überbehandlung oder
auch Beihilfe zum Suizid, sind für mich dagegen Zeichen dafür, dass wir uns sträuben,
den natürlichen Tod zuzulassen. Die Realität zu akzeptieren versuchen und wahrhaftig
damit umzugehen, würde dem Leben mehr Qualität geben.

Hilft Ihnen der Glaube dabei, sich mit dem Tod abzufinden?
Oder bleibt der ein Stachel?

Der Tod ist für mich ein Stachel – gerade, wenn ich jüngere Menschen begleite
oder in den Medien den gewaltsamen Tod vieler Unschuldigen mitbekomme. Ich erlebe,
dass das Leben letztendlich nicht planbar ist, sondern unverfügbar bleibt.
Im Glauben ist mir wichtig, dass Gott es ist, der alle Wege mitgeht und uns in allen
Situationen begleitet. Der Blick auf Jesus Christus hilft mir. Er hat selbst den Tod
erlitten und ist in den tiefsten Punkt hinabgestiegen, in das Reich des Todes,
um uns auch hier nah zu sein und um uns aus dem Reich des Todes ins Leben zu holen.

Gibt es Möglichkeiten, das Sterben schon im Leben einzuüben?

Für mich ist wichtig, Vertrauen einzuüben. Sterbebegleitung und Sterben hat
für mich mit Vertrauen und sich anzuvertrauen zu tun. Menschen, die ein großes
Urvertrauen haben, haben es oft leichter als Menschen, die meinen, sie müssten alles
in der Hand haben und bis zum Letzten alles kontrollieren.

Das Gegenteil von Vertrauen ist: zweifeln. Kennen Sie das auch?

Und ob. Das Zweifeln gehört auch zu meinem Leben. Vieles verstehe ich nicht,
vieles empfinde ich als zutiefst ungerecht: Warum ist eine Frau, die zu uns kommt
und kleine Kinder zurücklässt, so schwer krank? Es ist so unverständlich. Doch
daneben gibt es das Erstaunliche: Wenn Menschen jung sterben und trotzdem mit großer
Dankbarkeit auf ihr Leben schauen. Neulich saß ich mit einem jungen Mann zu Tisch
und am Ende des Essens sagte er: Ich habe ein gutes Leben gehabt und bin dankbar –
und stirbt mit 28.

Dennoch ein großer Verlust. Woraus schöpfen Sie Kraft?

Es ist gut zu wissen, dass ich mit dem, was mich beschäftigt, zu Gott kommen
kann. Es hilft mir auch, in die gemeinsame Welt der Mitschwestern einzutauchen.
Und sie zu bitten: Da liegt jemand im Sterben, betet bitte für sie oder ihn.

Was kann so ein Gebet bewirken?

Ich bin überzeugt, dass das Gebet eine große Wirkmacht hat. Das Wie ist Gottes
Sache. Das Gebet stärkt mich und meine Beziehung zu Gott. Es ist meine Kraftquelle
für den Alltag. Manchmal kommt im Gebet meine Seele zur Ruhe, ein anderes Mal werde
ich unruhig. Dann versuche ich nachzuspüren, was mich nicht zum inneren Frieden
kommen lässt.

Was hat sie eigentlich bewogen, Franziskanerin zu werden?

Als junge Frau dachte ich ursprünglich daran, eine Familie zu gründen und
mehrere Kinder zu bekommen. Und doch gab es die andere Stimme, mein Leben auch für
Gott und für die Menschen zu führen. Irgendwann habe ich die Franziskanerinnen von
Sießen angeschrieben und es hieß: ‚Komm und sieh!‘ Ich bin hingefahren. Für einen Tag.
Und habe gemerkt, da muss ich wieder hin. Irgendwann stand ich vor Gott mit der Frage:
‚Willst du?‘ Ich hörte auf mein Herz und dann habe ich gesagt:
‚Wenn du mich glücklich machst, dann komme ich.‘

Hat er Sie glücklich gemacht?

Ja! Mit allen Auf und Abs, die zu jedem Leben gehören.

Foto: privat

Neulich sind Sie mehr als 200 Kilometer gepilgert von La Verna nach Assisi –
auf den Spuren des Franziskus.

Ich habe mich mit zwei Mitschwestern auf den Weg gemacht auf die Via di Francesco.
In La Verna verweilte Franziskus in einer Einsiedelei, dort empfing er zwei Jahre
vor seinem Tod die Stigmata, die Wundmale Christi. Franziskus war in einer sehr
großen Not zu dieser Zeit. Die Brüdergemeinschaft ist sehr schnell gewachsen und
es gab Strömungen, in denen er seine Anfangsbewegung nicht mehr erkannte.
Darunter litt er sehr. Zweifel plagten ihn. Er meinte, alles in seinem Leben falsch
gemacht zu haben. Doch dann, plötzlich, die Begegnung mit dem Kreuz. Am Anfang seiner
Berufung hat auch der Gekreuzigte zu ihm gesprochen. Das war für ihn wie eine
Bestätigung: Ich bin von Gott gesehen und geliebt! Daraus ist ein großer Lobpreis
entstanden: Der Lobpreis Gottes ist aus ihm herausgesprudelt.

Was bedeutet das für Ihr Leben?

Der Weg von Franziskus, sein Ringen, half mir meine persönliche Wirklichkeit
anzunehmen. Auch ich bin angeschaut und geliebt von Jesus Christus. Das gibt mir
Mut in den Alltag aufzubrechen.

Im Durchschnitt sind Sie 20 Kilometer am Tag gegangen.
Was haben Sie noch erfahren?

Wie herzlich wir an einigen Pilgerunterkünfte empfangen worden sind mit Wasser,
manchmal sogar mit Kaffee. Die Ehrenamtlichen haben für uns am Abend ein
italienisches Menü mit Pasta und Haupt- und Nachspeise gemacht. Das erlebte ich als
besonders, diese fürsorglichen Herbergen zu erfahren. Und wenn ich jetzt an unser
Hospiz denke: Hospiz heißt ja Herberge. Und das Leben ist eine Pilgerreise.
Wir sind Fremdlinge und Pilger, sagt auch Franziskus. Und die Gäste, die zu uns
kommen, sind gewissermaßen auch auf der Pilgerreise. Sie suchen Herberge,
bis die Reise weitergeht.

Haben Sie auf der Pilgerschaft einen inneren Prozess durchgemacht?

Ich mache das nicht an großen Dingen fest, aber für mich ist Leben und
Spiritualität sehr nah beieinander. Diese Gastfreundschaft zu erleben, hat mich
sehr berührt. Tag für Tag fühlte ich mich reich beschenkt. Und am Ende der
Pilgerstrecke am Ziel, am Grab von Franziskus anzukommen war sehr bewegend.
Wir sind an dem Tag noch weiter gelaufen runter zur Portiuncula-Kapelle, der Ursprung
der franziskanischen Gemeinschaft und der Ort, an dem Franziskus vor seinem Sterben
bewusst den Abschied von seiner Brüdergemeinschaft vollzog. Eine kostbare Erfahrung
am Ziel ist für mich: Franziskus, Du bist mir näher als ich das manchmal vermute.

Franziskus nannte den Tod seinen Bruder.

Ich kann nicht sagen, der Tod sei mein Bruder, das wäre sehr hoch.
Aber ich muss ihn auch nicht als Feind betrachten, muss ihn nicht bekämpfen.

Welche Bedeutung hat Franziskus für Sie sonst noch?

Franziskus hat bestimmt, dass die Brüder einer einfachen Arbeit nachgehen
sollen, um ihren Unterhalt zu verdienen. Nur wenn das nicht reicht, sollen sie
betteln. Wir sollen also weder dem Müßiggang nachgeben – heute würde man Trägheit
sagen –, noch sollen wir den Geist des Gebetes auslöschen. Wir sollen arbeiten,
doch genügend Zeit haben, um die Beziehung zu Gott zu pflegen.

Das klingt nach dem benediktinischen Ora et labora …

… mit dem Unterschied, dass Benediktiner an ihr Kloster gebunden sind.
Franziskanisches Leben hingegen geht in die Welt hinaus. Ich habe die Hoffnung,
dass ich das Evangelium durch mein Sein, meine Arbeit in der Welt, mitten unter
den Menschen verkünde.

Verkündigung mittels Sein – und nicht mit Worten oder Sakramenten?

Ich glaube an die Wirksamkeit der Sakramente und an die Wirksamkeit des Wortes.
Beides gehört für mich zusammen. Gottes Wort, das Evangelium, steht ja auch für
Gottes Gegenwart. Und wenn ich sein Wort lebe, dann bringe ich auch ihn mit.
Durch unser Sein wollen wir Gott mitten in die Welt tragen.

Das Gespräch mit Schwester Miriana Fuchs OSF führte Alexander Schwabe.